"HaShem" Reisetagebuch Venezuela

Von 14.10.2006-26.10.2006 war ich mit dem Projekt " HaShem" nach Venezuela eingeladen. Ein sehr spannendes Projekt. Näheres darüber unter obenstehendem Link.
Die Mannschaft:(v.l.n.r.)
Carola Caye (voc), Betka Fislova (dance), M.M. (git), Germano Milite (technik), Thomas Hirt (Konzept, Oberchef), Harry Demmer (perc, vibes, marimba)
16.10.2006
Wir sind gestern nach langer Reise ziemlich streichfähig hier in Caracas angekommen... Nachts gab es noch ein Riesenfeuerwerk in der ganzen Stadt. Emma, unsere Führerin sagt, das sei der offizielle Beginn der Vorweihnachtszeit. Irgendwie scheinen die Uhren hier anders zu ticken...
Erster Eindruck: Sehr lebhaft die Stadt. Busy.
Aber es gibt hier sehr starke Gegensätze. In vielerlei Hinsicht:
Finanziell:Das Land ist eigentlich sehr reich. Es gibt Bodenschätze, fruchtbare Erde, und: es gibt Öl. Viel Öl. Wieviel, wird einem klar, wenn man bedenkt, daß 5l Trinkwasser 1,80€, und 100l Benzin 2€ (in Worten: zwei) kosten . Trotzdem geht´s dem Großteil der Leute nicht gut. Das Geld ist in den Händen von wenigen.
Baulich: gleich neben den Hotels gehen z.T. bereits die Elendsviertel los. Jeder kann bauen, wo er will, dadurch ist das Stadtbild auf den Hügeln ein Chaos. Es gibt keine Regeln.
Organisatorisch: Jedes noch so kleine Detail muß erst von irgendeinem Oberindianer authorisiert werden, dafür gilt für andere Lebensbereiche:Nix ist fix, es gibt keine Regeln.
Restaurants zum Beispiel:
Essen gehen ist lustig: Man bestellt, was man will, und der Kellner bringt, was er will. Nix ist fix.
Verkehr: Eine rote Ampel ist bestenfalls ein Vorschlag. Gefahren wird, wenn eine Lücke im Verkehrsfluß ist. Es gibt keine Rechtsregel, nur "geht sich aus" oder "nicht". Der Rest wird bei jeder Kreuzung innerhalb Sekundenbruchteilen neu verhandelt. Nix ist fix.
Sicherheitsgurte sind in den Autos inexistent. Hier gibt es Autos, das glaubt man nicht. Alte ausrangierte Ami-Benzinschleudern, die zuhause nicht mal mehr bis zum TÜV kommen würden.. Unglaublich. Bleiben auch dauernd hängen. Brauchen Unmengen von Sprit und blasen irre viel Dreck hinten wieder raus. Aber wie gesagt: Spritpreise sind kein Thema. Umweltschutz bedingt durch die Einkommenssituation der Leute auch nicht. Die ganze Stadt stinkt nach billigem Sprit und ist irrsinnig laut. Schade. Und dennoch: Die Sonne scheint, und das südliche Flair nimmt einen gefangen, und die Leute sind sehr freundlich.
Mal sehen, wie´s weitergeht....
17.10.
Wir sind jetzt den dritten Tag hier (inkl. Anreise am Abend). Ich bin noch leicht im jetlag, aber langsam geht's. Das Klima ist super, es hat immer so zw. 25- 30°C, kühlt aber am Abend immer ab. Die Temperaturschwankung über das ganze Jahr beträgt 2(!)°C. Die Zimmer haben alle Klimaanlage, die man abends aber abdrehen muss, weil es sonst echt zu kalt wird.... Heizung gibt´s gar nicht. Wozu auch?
Heute war Soundcheck für die erste Performance morgen im Teatro Teresa Carreño. Riesending mit Platz für 2500 Zuschauer. Beim Soundcheck gestern gab es irrsinnig viele Techniker, aber jeder ist scheinbar für einen kleinen Teilbereich zuständig, der aber immer noch von einem Oberchef authorisiert werden muss. Wenn Du Klebeband willst, muss erst gefragt werden. Wenn Du einen fragst, ob Du Strom haben kannst, muss erst ein anderer kommen. Die anderen stehen inzwischen herum. Es sind aber alle sehr freundlich...
Der Vibratomotor vom Vibrafon war kaputt, also dauerte es eine halbe Stunde, bis der zuständige Mann irgendwo einen Imbusschluessel aufgetrieben hatte... Eine 3-fach Steckdose musste erst gekauft werden.Und so braucht der Soundcheck dann halt statt einer halben Stunde zweieinhalb Stunden, und man kommt zu nix. Offensichtlich müssen wir erst mal unsere europäische Gehetztheit ablegen. Hier gilt die Devise: "Tranquilo". Immer schön ruhig bleiben.
Teatro Teresa Carreño Tom mit "tranquilo"- Tool
 - Los Austriacos mit Emma, unserer Übersetzerin. (3.v.li.)
19.10.
Gestern abend war also erste Performance, zusammen mit den anderen Festivalteilnehmern aus Kanada, Korea, Frankreich, Türkei, und Argentinien und Venezuela. Nur ein Auszug von 5 Minuten, aber immerhin, eine erste Feuerprobe. Ging gut. Und: Wenn 2500 Leute standing ovations spenden- das hat schon irgendwie was...
Für heute um 10 Uhr sind Proben für die Performance morgen abend angesetzt, und wir sind startbereit. Wir können aber nicht anfangen, weil man auf einen Brief der Regierung wartet, der authorisiert, daß man uns Notenpulte zur Verfügung stellen darf. Um 11 Uhr kommt der Brief, und dann auch die Notenpulte.
Tranquilo.
 - Harry Demmer beim Soundcheck,
 - M.M. backstage
20.10.06
U-Bahn Ausflug in die Stadt. Wir treffen einen Rechtsanwalt, der uns sehr davor warnt, uns wie Touristen zu benehmen, da man auch am hellichten Tag überfallen werden kann. Viel Militär in der Stadt, weil Hugo Chavez grad da ist, um einige Gesetze zu verabschieden.
Abends unser erstes Konzert in voller Länge im Teatro Alberto de Paz y Mateos. Drei Presse- und ein TV-Team sind gekommen. Das Stück ist wirklich sauschwer, weil man sich permanent 100% konzentrieren muss. Aber: Es ist gut gegangen! War sehr dicht und kompakt.
Jetzt gehen wir erst mal Fisch essen. Draußen schüttet es.
 - Theaterimpro
 - Nach der Vorstellung mit Dario (vorne, Technik) und Javier (rote Jacke)
 - Los Austriacos-Der Alptraum venezolanischer Kellner
21.10.06
Vormittags im Teatro Teresa Carreño einen Workshop gemacht über Improvisation. Betka hat mit Tanzstudenten gearbeitet, Harry, Germano und ich haben improvisiert. Draußen schüttet es.
Abends dann gute Aufführung, Javier Rivera, der Festivalleiter war im Publikum und kam sich extra bedanken. Schön!
Als wir danach ins Restaurant gebracht wurden, und unser Fahrer bereits die 3. rote Ampel überfahren hatte, fragte ich Emma einmal zaghaft, ob denn in Caracas rote Ampeln grundsätzlich ignoriert würden. Sie entgegnete, es sei einfach zu gefährlich, nachts in dieser Gegend anzuhalten. Beruhigende Zusatzinformation irgendwie...
Danach wieder grosser Spass im Restaurant, bis wir Touris mal unsere Bestellungen beisammen haben, und Thomas und Emma sich winden, unsere Verwirrung ins Spanische zu übersetzen. Was sehr schön ist: wir verstehen uns alle sehr gut und lachen viel. Es hat ein bißchen was von einem Schulschikurs. Nur ohne Flaschendrehen....
Einziger Wermutstropfen: Bedingt durch mein Asthma habe ich mittlerweile echte Probleme mit der Atmung wegen der Abgase hier in der Stadt.
22.10.06
Vormittags Einkaufsbummel in Caracas. Hab einen schön bescheuerten Hut gefunden. Danach Abfahrt nach Valencia. Dieses Land hat eine atemberaubende Landschaft und Vegetation.
Ankunft in Valencia.
Mein Zimmer geht zur Straße raus, und die Fenster sind eigentlich keine Fenster, sondern verschiebbare, lose Glaselemente. Egal, ob das Fenster offen ist oder nicht, es ist gleich laut. Oje.... Habe abends noch etwas geübt für meine Solo- Einlage beim "20 Jahre Ludovico" Fest in Graz. Obwohl, eigentlich will ich überhaupt noch nicht an zuhause denken....
 - Teatro Municipal de Valencia

23.10.06
Schlecht geschlafen wegen dem Straßenlärm.
Wir sitzen beim Frühstück und frieren mit Pullover. Wir vermuten, extreme Kälte durch Klimaanlagen ist eine Art Statussymbol. Emma sagt, das ist die venezolanische Art. Alles ist extrem.
Abend: Nach etlichen Soundproblemen Auftritt vor 400 Leuten, im Teatro Municipal de Valencia in Valencia. Man sagt uns, es wäre DAS Theater in Valencia. Auf alle Fälle ist es wirklich sehr schön!
Trotz nochmaligem Soundcheck kurz vor der Aufführung ist die Gitarre im Monitor plötzlich wieder zu leise, wir hören uns live gegenseitig sehr schlecht. Bei einem so auf Interaktion aufgebauten Stück ein Supergau.
Dafür ist das Pubklikum super drauf.
Applaus bei jeder Szene, am Schluß standing ovations. Angeblich waren auch 20 Kinder aus einem Heim für Straßenkinder da. Find ich phantastisch.
Nach der Show noch mit allen Technikern und Stagehands auf der Bühne gemeinsam Bier getrunken.
Schade, daß das schon die letzte Show war. Hab den klassischen "last-gig-of the-tour-aftershowblues".
24.10.06
Ich hab in der Stadt eine Cuatro (traditionelles venezolanisches Saiteninstrument) gekauft.
Der Chef des Musikladens hat mein Bibel- T Shirt gesehen, und mich fragen lassen, ob ich denn etwa Christ sei. Ich bejahe,wir grinsen uns an, und machen mit dem Instrumentenkauf weiter. Nebenbei erzählt er, daß er Pastor einer Gemeinde ist, und zwei weitere Verkäufer auch in seiner Gemeinde sind.
Als ich dann zahle, gibt er mir über 20% Rabatt, "weil Du auch Christ bist!". Coole Sache!
Und außerdem: Schön, ganz woanders auf diesem Planeten Leute zu treffen, die auch zu Jesus gehören...
Sind jetzt im Bus nach Vargas beim Airport Caracas.
Mit 2 Stunden Verspätung, weil in der Nacht in den Bus eingebrochen wurde. Radio+ CD sind weg, und der Fahrer war noch bei der Polizei.
Nachmittags Ankunft in Vargas, nahe dem Flughafen. Nach dem Einchecken sind wir erst mal an den Strand gegangen. Der war nur eigentlich nicht da. Nur Steilküste mit großen Felsbrocken und hohen Wellen. Erst nach ca. 1km erreichten wir so etwas wie einen Strand, eine ca. 300m lange Bucht. Im Wasser schwamm jede Menge Müll, Plastikflaschen, Plastiksäcke. Dafür gab es eine Menge Krebse, und- weniger schön- zwischen den Felsbrocken entlang dem Ufer auch jede Menge Ratten, die offensichtlich vom zwischen den Felsbrocken liegenden Müll leben.
Eine ziemliche Enttäuschung, unser karibischer Strandausflug. Ich bin dann aber-schon weil man das MUSS, wenn man schon mal da ist- kurz ins Wasser. Super angenehme Temperatur, wenn nur der Dreck nicht wäre. Aber fürs Protokoll: ja, ich war in der Karibik im Meer. Für immerhin 90 Sekunden oder so. Aber die hab ich genossen. Wir sind zurück ins Hotel gegangen, und haben noch einen netten Abend in der Hotelbar verbracht. Javier, der Festival- Leiter ist auch nochmal vorbei gekommen.
Jetzt ist es 1h morgens, draußen hat es noch sicher 28°C, aber es drückt überhaupt nicht, es ist einfach nur angenehm. Dieses Klima wird mir sehr fehlen. Das ist total meins.
 - El Zampano (vor dem ersten Kaffee)
 - Abschied von Emma

25.10.
Heute Abflug nach Hause. Kaum vorstellbar, dass wir bald wieder in einer anderen Welt sein werden. "Zackzack" statt "tranquilo" . Herbstnebel statt 35°C. Und Multivitaminkonzentrat statt frischem Ananassaft zum Frühstück. Das alles wird mir fehlen. Dafür werde ich vermutlich zum ersten Mal das Gefühl haben, dass die Grazer Luft gut ist.
Unterhaltsames Detail am Rande:
Wir wurden mit dem Bus zum Flughafen gebracht. Bevor man überhaupt noch einchecken kann, gibt es bereits die erste, penible Passkontrolle. Danach noch zwei Mal, bis man zum Boarding-Schalter kommt. Dort gibt es noch eine Passkontrolle, dann schiebt man (zum zweiten Mal) sein Gepäck durch das Durchleuchtungsgerät, und geht durch die Metalldetektorschleuse. Als ich durch die Schleuse durch war, bemerkte ich, dass ich meine Gürteltasche samt PDA, mp3 Player, und massivem Metall-Slide noch um hatte. Verwundert, dass kein Alarm ausgelöst wurde, drehte ich mich um, und sah, dass das Ding nicht nur nicht eingeschaltet war, sondern nicht mal angesteckt.
Als wir den Zollbeamten (auch im Interesse unserer eigenen Sicherheit) darauf aufmerksam machten, meinte er nur lächelnd, das wäre schon okay so, dadurch ginge die Abfertigung schneller. Bevor man das Flugzeug betreten durfte, wurden allerdings alle Passagiere nochmals in Männer und Frauen unterteilt, um dann noch einzeln penible Leibesvisitationen vorzunehmen.
Dieser entspannt-kreative Umgang mit Logik wird mir auch irgendwie fehlen....
26.10.
Bin nach 29 Stunden Dauerreise völlig gerädert wieder in Graz angekommen, und fühl mich irgendwie in einer anderen Welt. Aber: ich bin wieder da. Wenn gleich auch gefühlsmäßig ein Teil von mir noch in Vargas am Pool liegt, Ananassaft trinkt, und 30°C zur einzig erträglichen Herbsttemperatur erklärt hat. Mal sehen, bis wann ich ihn überreden kann, nach zu kommen...
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